Sechs Generationen Leinen: das Gespräch mit Friedrich Leitner

Das folgende Gespräch entstand zu einer Zeit, als Friedrich Leitner die Manufaktur noch aktiv lenkte. Leitner Leinen ist eine der wenigen Webereien Europas, die Reinleinen-Jacquard in dieser Kombination aus Fadendichte, Mustertiefe und historischer Quelle herstellt. Was er darin sagt, hat seinen Geltungsbereich nicht verloren.

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Sechs Generationen, eine Vertreibung dazwischen

Gegründet wurde das Haus 1851 in Hohenfurt im Süden Böhmens, heute Vyšší Brod in Tschechien. Die Familie webte dort fast hundert Jahre lang Leinen. 1945 kam die Vertreibung.

Was übrig blieb, war das, was Köpfe und Hände einer Weberfamilie mit sich tragen konnten: keine Maschinen, kein Materiallager, aber das vollständige Wissen einer Generation, die das Handwerk seit der Kindheit kannte. Im oberösterreichischen Mühlviertel fing die Familie noch einmal von vorn an.

Heute führt Jakob Leitner das Haus, in sechster Generation. Die Jacquard-Webstühle in Ulrichsberg haben eine Fertigwebbreite von bis zu 320 Zentimetern und arbeiten mit 40 Fäden je Zentimeter Kettdichte. Das erlaubt nahtlose Bettlaken in voller Breite, keine Designentscheidung, sondern ein struktureller Vorteil: Ein Laken ohne Naht altert gleichmäßig und hat keine Schwachstelle, an der es zuerst nachgibt. So macht Leitner Leinen aus einer Zahl auf dem Webstuhl eine Eigenschaft am Bett.

Mariage Jacquard Bettwäsche von Leitner Leinen

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Die Dessins: drei Zeitreisen im Webstuhl

Die Kettdichte hat noch eine zweite Folge, und sie ist der Grund, warum man Leitner-Stoffe an den Fingerspitzen erkennt. Bei 40 Fäden je Zentimeter bleibt ein Dessin nicht an der Oberfläche. Es bekommt Relieftiefe. Man sieht das Muster, und man fühlt es.

Was dort gewebt wird, hat einen Umweg über Archive hinter sich. Die Familie brachte ihre eigenen Musterbücher aus Böhmen mit, sie gehörten zu dem, was 1945 mitging. Friedrich Leitner hat darüber hinaus Jahrzehnte damit verbracht, weitere Vorlagen zu suchen: in Archiven, in Kirchen, in Sammlungen, an die sich kaum noch jemand erinnerte. Gesucht hat er die Muster jener böhmischen und mühlviertlerischen Weblandschaft, die seine Familie im Rücken hatte.

Drei dieser Funde tragen im Sortiment von Leitner Leinen heute Namen und laufen als Kollektion.

Mariage stammt aus der Renaissance, aus einer Zeit, in der Leinenwäsche zur Aussteuer gehörte und ein Muster eine Verbindung besiegelte.

Imperial kommt aus dem habsburgischen Barock, der Formensprache der Repräsentation: dicht, symmetrisch, auf Wirkung im Licht gebaut.

Haithabu greift weiter zurück als beide, in die Welt der Wikinger und ihres Handelsplatzes an der Schlei, wo Leinen Handelsware und Alltagsstoff zugleich war.

Was daraus wurde, sind keine Kopien. Die Vorlagen gingen in junge Designhände und kamen als Übersetzungen in den Webstuhl zurück, in Leinen, in Ulrichsberg, auf Maschinen, die seit Jahrzehnten auf dieses eine Material eingestellt sind. Ein bedrucktes Muster nutzt sich ab. Ein eingewebtes altert mit dem Stoff.

Heimat, Beständigkeit, Familie

Friedrich Leitner: „Es sind wohl weniger allgemeine Wertvorstellungen als vielmehr Erfahrungen, die für mich zählen. Dabei bin ich vermutlich nicht der Erste oder Letzte, für den Heimat ein wichtiger Bezugspunkt ist. Neben Heimatverbundenheit gehören Beständigkeit, Familie und Natur zu den Qualitäten, die für mich am meisten zählen. Als Besonderheit empfinde ich dabei, dass auch der Leinenstoff diese Qualitäten verkörpert.“

Das lässt sich am Material nachvollziehen. Leinen wird mit traditionellen Anbaumethoden gewonnen und entfaltet gerade in der Naturbelassenheit seine Möglichkeiten. Bei richtiger Pflege ist das Gewebe außerordentlich beständig. Und die handwerklichen Traditionen des Webens sind regional verschieden, sie tragen Heimatbezug in sich, ob man will oder nicht. Leinenstoffe wurden früher vererbt; sie gehörten zur Ausstattung einer Familie, nicht zum Verbrauch.

Leitner Leinen: Comeback oder veränderte Wahrnehmung

„Ich kann nicht genau sagen, ob es sich um ein Comeback handelt oder bloß um eine veränderte Wahrnehmung für die Qualitäten von Leinen. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Trends kommen in Mode und vergehen so zügig, wie sie gekommen sind. Leinenstoff verkörpert jedoch einen zeitlosen Wert. Das Gewebe bewahrt seine Farben und Formen jahrzehntelang. Wir sind längst im Alltag an stetigen Wechsel und eine gewisse Ex-und-Hopp-Kultur gewöhnt. Vielleicht verändert sich dadurch der Blick auf Produkte von beständigem und dauerhaft schönem Wert.“

Haithabu Jacquard Bettwäsche von Leitner Leinen

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Die Wandlungsfähigkeit des Leinens

Friedrich Leitner: „Das Geheimnis von Leinen ist dessen Wandlungsfähigkeit. Wenn man klare Leitlinien hat, welche Funktionen das Gewebe erfüllen soll, dann wird Leinen genau diese Erwartungen erfüllen. Allerdings entfaltet sich die wahre Magie des Gewebes nicht bei zu einseitigen Zielsetzungen. Denn Leinen erzeugt gegensätzliche Wirkungen. Ein Beispiel: Bei kalten Temperaturen wärmt Leinen, gleichzeitig kann der Stoff bei sommerlichem Wetter kühl und erfrischend auf der Haut wirken. Ich möchte die Möglichkeiten erkunden, ich will wissen: Was kann er außerdem? Wozu ist er noch fähig?“

Über das Material, an dem Leitner Leinen seit Generationen arbeitet, sagt er an anderer Stelle einen Satz, der wie eine Metapher klingt und als Arbeitsbeschreibung gemeint ist: Leinen sei wie ein schlummerndes Dornröschen, das wach geküsst werden möchte.

Was Leitner Leinen unterscheidet

„Das ist eine interessante Frage, die ich ehrlich gesagt nicht beantworten kann. Ein wichtiges Merkmal unseres Familienunternehmens ist aber sicherlich die Bezugnahme auf Webtraditionen aus den Regionen Mühlviertel und Böhmen. Wir entwickeln Dessins mit diesem besonderen Heimatbezug und erweitern die tradierten Webmuster mit zeitgenössischen Inspirationen. Jeder traditionelle Familienbetrieb hat seine eigene Geschichte. Daher sind direkte Vergleiche wenig sinnvoll. Unterschiede entstehen in einem lebendigen Prozess, wenn Produkte den speziellen Esprit eines Unternehmens spürbar machen.“

Leinen in der Wohnkultur

Friedrich Leitner: „In der Wohnkultur bezieht Leinen seine Wirkung aus der Fähigkeit, sehr viele unterschiedliche Wirkungen zu erzielen. Aus Leinenstoff lassen sich robuste und pragmatische Artikel herstellen wie das Geschirrtuch. Dieses einfache und langlebige Küchentextil war lange Zeit das Fundament unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Leinen nimmt Feuchtigkeit gut auf und eignet sich für Geschirr- und Handtücher sehr gut. Durch seine wahlweise wärmende oder kühlende Wirkung kann Leinenbettwäsche zudem im Winter wie im Sommer überzeugen.“

„Eine weitere Qualität liegt in der ästhetischen Kraft von Leinen. Der Stoff lässt sich raffiniert weben, er hat Feinheit und Schönheit. Wunderbare Dessins können entstehen und behalten ihre Qualität für die Dauer von Generationen. Je nach Verarbeitung unterstreicht das Gewebe die Leichtigkeit des Lebens oder weckt Geborgenheit und Wärme. Eine Eigenschaft ist besonders bemerkenswert: Leinenstoff hat einen natürlichen Glanz.“

Was von Leitner Leinen bleibt

Friedrich Leitner spricht über sein Haus in einer Sprache, die ältere Manufakturen kennzeichnet: in Beziehung zum Material, nicht in Distanz zu ihm. Hinter dieser Sprache stehen technische Entscheidungen, die wenig Spielraum lassen. Reinleinen ohne Kotonisierung. Jacquardbindung mit der Tiefe, die nur 40 Fäden je Zentimeter ergeben. Nahtlose Webbreiten, die anderswo längst nicht mehr verfügbar sind. Und Dessins aus einer historischen Quelle, die mit einer Familie über eine Grenze gegangen ist.

Wer Leitner Leinen sucht, die genau diese Kombination trägt, hohe Mustertiefe, nahtlose Verarbeitung, eine identifizierbare Herkunftskette, findet sie bei einer überschaubaren Zahl von Häusern. Leitner Leinen ist eines davon.

Ein Muster, das aus einem Archiv geholt, neu gezeichnet und in einen Webstuhl gelegt wurde, ist am Ende ein sehr materieller Vorgang: Kette, Schuss, Relieftiefe. Dass darin eine Renaissance, ein Barock und eine Wikingerzeit stecken, sieht man dem Laken nicht an. Man liegt nur darauf.

Häufige Fragen

Was ist Leitner Leinen?

Eine Familienmanufaktur, 1851 in Hohenfurt in Südböhmen gegründet, heute Vyšší Brod in Tschechien. 1945 vertrieben, baute die Familie im oberösterreichischen Mühlviertel neu auf: ohne Maschinen, aber mit dem vollständigen Wissen einer Weberfamilie. In sechster Generation, heute geführt von Jakob Leitner, ist Leitner Leinen eine der wenigen Webereien Europas, die Reinleinen-Jacquard in dieser Kombination aus Fadendichte, Mustertiefe und historischer Quelle herstellt.

Welche historischen Dessins webt Leitner?

Drei Dessins gehen auf historische Vorlagen zurück: Mariage aus der Renaissance, Imperial aus dem habsburgischen Barock und Haithabu aus der Wikingerzeit. Die Vorlagen stammen aus den Musterbüchern, die die Familie 1945 aus Böhmen mitnahm, sowie aus Archiven, Kirchen und Sammlungen, die Friedrich Leitner über Jahrzehnte durchsucht hat. Sie werden nicht kopiert, sondern in zeitgenössische Leinensprache übersetzt.

Was zeichnet die Leitner-Jacquards technisch aus?

Die Webstühle in Ulrichsberg haben eine Fertigwebbreite von bis zu 320 Zentimetern und arbeiten mit 40 Fäden je Zentimeter Kettdichte. Daraus entsteht eine Mustertiefe, die im Reliefgewebe sichtbar und fühlbar wird, und es erlaubt nahtlose Bettlaken in voller Breite. Ein Laken ohne Naht altert gleichmäßig und hat keine Schwachstelle.

Wo wird Leitner Leinen heute hergestellt?

In Ulrichsberg im Mühlviertel, Oberösterreich. Webstühle, Veredlung und Konfektion liegen in derselben Hand, eine Lieferkette, die sich nachprüfen lässt.

Welche europäischen Manufakturen verarbeiten Reinleinen ohne Kotonisierung?

Die Häuser im Sortiment der Linen Lounge verzichten ausnahmslos auf Kotonisierung und chemische Röste: Leitner Leinen (Mühlviertel, Jacquard), Libeco (Meulebeke in Belgien, lässige Eleganz), Hoffmann (Oberlausitz, Damast seit 1905), Vieböck (Helfenberg im Mühlviertel, GOTS und IVN Best), Schlitzer Leinen (Hessen, vollständig deutsche Produktion) und Geniksa (Litauen, 200-Kilometer-Lieferkette). Jedes gibt eine eigene Antwort auf dieselbe Frage.

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