Es gibt eine Flasche, die in fast jedem Haushalt steht und die Leinen nicht guttut. Der Grund ist kein Verbot und keine Empfindlichkeit des Materials, sondern ein Missverständnis darüber, woher die Weichheit von Leinen eigentlich kommt.
Weichspüler arbeitet, indem er einen dünnen Film auf die Faseroberfläche legt. Bei Baumwolle stellt dieser Film die aufgestellten Faserenden glatt, und der Griff wird gefälliger. Bei Leinen trifft er auf ein anderes Gewebe. Die Flachsfaser ist ein Bündel feiner Kapillaren; ihr ganzer Vorteil, dass sie Feuchtigkeit rasch aufnimmt und ebenso rasch wieder abgibt, hängt daran, dass diese Kanäle offen bleiben. Der Film verschließt sie.
Das Ergebnis ist die stille Ironie dieses Materials: Das Mittel, das Weichheit verspricht, bewirkt bei Leinen das Gegenteil. Der Stoff fühlt sich nach wenigen Wäschen nicht weicher an, sondern stumpf und auf Dauer steif, und er reguliert nicht mehr. Viele Menschen, die Leinen als „schwierig" oder „kratzig" erleben, erleben in Wahrheit ihren Weichspüler.
Weichheit entsteht bei Leinen ohnehin auf einem anderen Weg. Die Faser trägt eine Pektinschicht, die sich mit jeder Wäsche ein wenig löst. Genau deshalb wird gutes Leinen mit den Jahren besser statt schlechter. Diesen Vorgang kann man nicht beschleunigen, aber man kann ihn stören, und Weichspüler stört ihn.
Die Kurzformel, die wir dafür haben: Leinen mit Weichspüler zu waschen ist wie einen guten Rotwein mit Eiswürfeln zu trinken. Es geht. Aber der Stoff, der dabei entsteht, ist ein anderer.