Der beste Faserflachs der Welt wächst entlang eines schmalen Küstenstreifens von der Normandie bis nach Flandern. Feuchte Atlantikwinde, taufeuchte Morgen, milde Sommer, das sind keine Postkartenmotive, sondern Produktionsbedingungen. Kühles, gleichmäßiges Wachstum erzeugt längere und gleichmäßigere Faserbündel; und die Tauröste, jener wochenlange Vorgang, bei dem Mikroorganismen auf dem Feld das Pektin im Stängel auflösen, gelingt an der Atlantikküste wie sonst nirgends.
Im Mühlviertel wurde jahrhundertelang Flachs angebaut. Heute kommt der Flachs, der hier verwebt wird, aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien. Wer das für einen Bruch hält, hat die Region nicht verstanden: Was Leinen aus dem Mühlviertel bewahrt hat, ist nicht der Rohstoff. Es ist das Wissen, wie man ihn behandelt.
Und dieses Wissen ist die eigentliche Knappheit. Leinenlangfasern lassen sich nur im Nassverfahren zu feinen Garnen verspinnen, durch ein heißes Wasserbad, bevor sie verzogen und verdreht werden. Als die Textilindustrie im 20. Jahrhundert abwanderte, verschwanden mit ihr die europäischen Spinnereien; heute gibt es auf dem ganzen Kontinent nur noch eine Handvoll Betriebe, die das können. Frankreich baut rund drei Viertel des weltweiten Faserflachses an und besitzt kaum noch eigene Spinnkapazität.
Vor diesem Hintergrund ist eine Weberei, die seit Generationen an einem Ort steht, kein folkloristisches Detail. Sie ist ein Rest.
Aus dieser Konstellation folgt eine leise Konsequenz: Die Regionalität, die im Mühlviertel bewahrt wird, ist nicht die des Ackers, sondern die der Werkstatt. Sie liegt in den Händen, die einen Webstuhl einstellen, in den Augen, die ein Dessin freigeben, und in der Beharrlichkeit, mit der ein Ort zwei Jahrhunderte am selben Handwerk festhält.